Oktober 2006

Im Mai 2004 wurde Stinah von einem deutschen Pferdepensionsbetreiber angefragt, ob die Stiftung Hilfe bieten könne bei der Rettung eines bei ihm in Pension stehenden gesunden, russischen Halbblutwallachs. Die Eigentümerin könne das Pensionsgeld für ihr Pferd Gornist nicht mehr bezahlen und habe dem Hoftierarzt den Auftrag erteilt, Gornist zur Befreiung von der finanziellen Last zu töten.
Gornist kam im Alter von 10 Jahren in die Schweiz und wurde von einem bekannten Dressurreiter gefordert und an Dressurprüfungen vorgestellt. Offenbar war er ein schwieriges Pferd mit schlechtem Nervenkostüm, das nicht über die für Erfolge auf Turnieren erforderliche Gelassenheit verfügte. Gornist wurde deshalb weiterverkauft an eine junge Reiterin, die in tieferen Prüfungen an den Erfolg mit ihm glaubte. Jedoch konnte das wohl schon viel früher zerstörte oder nie da gewesene Grundvertrauen nicht hergestellt werden und die Reiterin entschied, Gornist eine Auszeit als Weidepferd zu geben und mit einem anderen Pferd weiterzuarbeiten.
Vom Pech verfolgt überlebte Gornist – kaum einige Wochen am neuen Ort untergebracht – nur ganz knapp das Flammeninferno, das wohl aufgrund eines Blitzschlages in den Stallanlagen des Weidebetriebs ausgebrochen war. Seiner schwarzen Farbe wegen wurde er bei der Evakuation im beissenden, dichten Rauch übersehen. Dass er überlebte, grenzte an ein Wunder, kostete aber auch seinen Preis. Die massive Rauchvergiftung musste im Tierspital behandelt werden und es war zu vermuten, dass Gornists Lungen trotz der Behandlung keiner intensiven Belastung mehr stand halten würde. Aufgrund dieser Diagnose kehrte Gornist als definitives Gnadenbrotpferd auf die Weide zurück.
Es erstaunt nicht, dass dieses Vorkommnis und die mit den Behandlungen im Tierspital einhergehenden Stresssituationen das Vertrauen von Gornist in den Menschen nicht verbessert haben. Als Stinah Gornist im Oktober 2004 übernahm hiess es, Hufe und Zähne seien kaum zu kontrollieren und bearbeiten. Auch könne Gornist nicht ohne Stress geputzt werden, am besten überlasse man ihn seinem Sein. Und es war tatsächlich so, dass uns bei den ersten Begegnungen eine derart starke Skepsis entgegenschlug, dass wir bereit waren, daran zu zweifeln, ob wir mit den bloss wöchentlich möglichen Besuchen eine Veränderung herbei führen können würden. Aber die Zweifel wurden von Gornist ziemlich bald ins Land der Vergangenheit verdammt. Er hat sich zwischenzeitlich zu einem – für seine Verhältnis – wackeren Burschen entwickelt, der gar in der Lage ist, auch ohne seinen Kumpel und gleichzeitig seine Lebensstütze in den letzten sechs Jahren, auf einen Spaziergang mitzukommen oder eine kleine Arbeitssession in der Halle abzuhalten. An solchen Dingen kann er gar etwas Freude finden. Jedenfalls würden wir seinen wachen Eindruck und sein Gefallen wollen, dahingehend interpretieren. Nie ist er widersetzlich oder launisch, immer vorsichtig, etwas unsicher aber bemüht, es allen Recht zu machen.
Mit seinem treuen Freund Jerry an seiner Seite scheint es tatsächlich so, dass er sein Leben geniessen kann.



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